Aber die armen Kinder in Afrika – Oder: Irgendwas mit Medien

Nachrichten in aller Welt funktionieren in großen Teilen nach dem Prinzip »Mann beißt Hund«.

Die nach Wikipedia »möglicherweise am häufigsten zitierte Definition journalistischen Bestrebens« stammt von John B. Bogart, der zwischen 1873 und 1890 als Lokalredakteur der 1950 eingestellten Zeitung »New York Sun« arbeitete.

»Wenn ein Hund einen Mann beißt, ist das keine Nachricht, weil es so häufig geschieht. Aber wenn ein Mann einen Hund beißt, ist das eine Nachricht«

Auf unsere Nachrichten wirkt sich das so aus, dass alltägliche Dinge, seien sie auch noch so schrecklich, keinen – oder nur selten – Eingang in die Schlagzeilen finden.
Wenn also im Mittleren Osten eine Bombe explodiert oder in Afrika Menschen verhungern, so ist das genau so schrecklich und furchtbar, wie es immer schon war, aber »News« ist es nicht mehr wirklich.
Einfach, weil es im Nachrichtensinne eben nicht »neu« ist.

Wenn dauernd Kinder verhungern oder Bomben explodieren, dann wird das – und ich bin mir bewusst, wie schrecklich das klingt – zum Alltag. Zumindest für die Redakteure in den Nachrichtenstudios, die neben Berichterstattung auch dafür sorgen müssen, dass Menschen ihre Sendung einschalten, ihre Zeitung kaufen oder ihre Artikel anklicken..
Es wäre allerdings ungerecht zu behaupten, alle Nachrichtenmacher wären grundsätzlich nicht an den Schicksalen der Menschen in Krisen- oder Hungergebieten interessiert und hätten ausschließlich Auflage und Einschaltquote im Kopf.
Idealisten gibt es in allen Bereichen und Berufen. Genau so, wie es Arschlöcher oder Fachidioten gibt.

Im Zuge des Sandy Hook-Amoklaufes und des Bombenattentats in Boston, habe ich vor allem in verschwörungstheoretischen Foren und Facebook-Postings immer wieder gelesen, dass »die Medien™« einen »riesigen Aufstand« machen.
Sie machen einen Aufstand, weil »in Newtown 27 Menschen erschossen wurden«, oder in Boston »durch eine Bombe drei Menschen gestorben sind«, während doch in Syrien oder in Ruanda dauernd Menschen sterben.
Es fände in den Medien eine »Wertung der Menschen gegeneinander« statt, bei der weiße Amerikaner eben einfach mehr Wert seien, als Kinder in Afrika oder Mütter in Afghanistan.

»In Afghanistan und in Afrika sterben täglich Menschen, da berichtet niemand drüber, aber einen Aufstand machen für ein paar Amis in Boston. Total lächerlich«

Zuerst mal stimmt es nicht, dass niemand über Afghanistan oder über wo-auch-immer berichtet. Wenn ich etwas über die aktuellen Geschehnisse in fremden Ländern erfahren möchte, dann kann ich das sogar recht schnell und einfach. Ich kann Google News bemühen, mir Pressemeldungen von Hilfsorganisationen abonnieren oder, falls mich der Mittlere Osten besonders interessiert, die englischen Onlineausgaben von Al-Arabiya oder Al-Jazeera lesen.
Bin ich mehr an Afrika interessiert, dann kann ich zum Beispiel die (ebenfalls englischsprachigen) Onlineausgaben von The Nation oder The New Times Rwanda in meine Leseliste aufnehmen. Möglichkeiten gibt es genug.

Sicher, Englisch versteht nicht jeder. Aber auch da gäbe es bestimmt Möglichkeiten, sich beispielsweise mit lokalen Organisationen, die ihren Fokus auf das mich interessierende Weltgebiet gerichtet haben, zu verständigen und Nachrichten in deutscher Sprache zu erhalten. Oder, wenn alle Stricke reißen, versucht man es mit Onlineübersetzern.
Jedenfalls kann man sich als interessierter Mensch, in Zeiten des Internets, nicht darüber beschweren, einer einseitigen Berichterstattung ausgesetzt zu sein.

Zweitens tut obiges Zitat genau das, was den »westlichen Massenmedien« vorgeworfen wird: Es wertet tote Menschen gegeneinander auf.

Es geht aber noch besser.

Eher früher als später trifft man – bevorzugt dort, wo man sich in Verschwörungstheorien ergeht – auf Sätze wie »die Amis (oder die gerade Betroffenen) haben’s ja auch nicht besser verdient. Die haben doch auch …!«, worauf dann eine Exkursion in die kriegerischen Verwicklungen der Amerikaner folgt. Oder in die diplomatischen Verwicklungen der Amerikaner. Oder in die wirtschaftlichen Verwicklungen der Amerikaner. Oder, oder, oder…

Im Zuge eines scheinbar (nicht nur) in diesen Kreisen immer stärker gehuldigtem Antiamerikanismus (der Thema eines späteren Blogartikels werden wird), werden früher oder später »die Amerikaner™« für alles Übel in der Welt verantwortlich gemacht.
Sie haben zwar alle Hände voll zu tun und können aufgrund innenpolitischer Querelen noch nicht einmal dafür sorgen, dass Reiche steuern zahlen oder arme Kinder mit Schulspeisungen versorgt werden, aber die ganze Welt sollen sie beherrschen und die Regierungen so ziemlich aller Nationen kontrollieren.
Natürlich. Darum berichten westliche Medien ja auch nicht über Afghanistan oder Afrika. Weil »die Amerikaner™« es nicht wollen.
Daher haben sie es dann auch nicht besser verdient, wenn ihre Bürger durch Bombenattentate sterben.

Kollektivschuld vom Feinsten und Gemeinsten.

Wenn die deutsche Regierung entscheidet, Soldaten in ein Krisen- bzw. Kriegsgebiet zu entsenden und im Zuge des Einsatzes dann deutsche Soldaten – aus welchen Gründen auch immer – Zivilisten zu Tode bringen, dann ist es für die poetische Gerechtigkeit schon in Ordnung, wenn in München an Opa Bölkes Stehkiosk eine Bombe explodiert?
Schließlich starben durch den Einsatz deutscher Soldaten in der Zepettel-Region Lampukistans vier kolandrinische Hypmenken, also ist es nur gerecht, wenn beim Sportfest Gänseheim-Süd einigen Zuschauern von Rohrbomben die Gliedmaßen abgerissen werden?

Funktioniert Gerechtigkeit so? Sinnloser Tod und Verletzung kann nur durch sinnlosen Tod und Verletzung ausgeglichen werden?

Hans Schulze aus Kleve überfährt in Duisburg die Tochter von Erich Ackerberg, wird aber freigesprochen. Der Nachbar von Erich Ackerberg fährt daraufhin nach Kleve und überfährt den Sohn von Minna Müller, damit der Gerechtigkeit genüge getan ist?
Geht’s noch?

Muss man terroristischem Morden mit derlei »Verständnis« begegnen?
In Diskussionen mit Verschwörungstheoretikern wird diese Frage immer wieder mal mit »Ja« beantwortet.

Oder ist das vielleicht das eigentlich Menschenverachtende?

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Ein Gedanke zu “Aber die armen Kinder in Afrika – Oder: Irgendwas mit Medien

  1. Ich muss sagen, das kommt mir alles ziemlich bekannt vor.

    Auch Ich muss zugeben dass mich das nicht die Bohne interessiert ob in Ruanda nun heute 20 oder 50 Kinder verhungert sind. Das ist, bei aller Schrecklichkeit die Ich in keinster Weise herunter spielen will, aber mittlerweile doch total normal. Und das wissen doch auch alle. Das wäre so als würde meine Lokalzeitung heute schreiben dass ein rotes Auto durch die Berliner Straße gefahren ist. Das interessiert auch keinen die Bohne.

    Genau so muss Ich zugeben dass Ich die Ereignisse in Boston auch nur am Rande verfolgt habe, denn da hat ja auch nur einfach mal wieder irgend einer irgend was gemacht was Lieschen Müller eben nicht jeden Tag macht. Und nun? Alle 5-6 Tage kommt nochmal was aus Boston in den Nachrichten und in fünf, sechs Wochen ist das alles Schnee von gestern. Zumindest hier bei uns in Deutschland kräht da kein Hahn mehr danach.

    Den Leuten bleiben eben immer nur die aussergewöhnlichen Sachen im Kopf, eben das was nicht normal ist. 9/11, München ’72 usw.

    So funktioniert unsere Welt nun eben mal…….

    Grüße aus Kaiserslautern

    Philipp

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