Die Wissenschaft ist dogmatisch

So schallt es landauf und landab aus den Werkstätten der Perpetua mobilia-Erfinder und den Praxen der Handaufleger, Lichtnahrungsvertreter, Homöopathen sowie der Geist- und Steinheiler und vielen anderen Esoterikern.

Wer an etwas glaubt, was von „der Wissenschaft™“ entweder widerlegt wurde – oder für dessen Existenz Wissenschaftler oder Skeptiker gerne Nachweise hätten, bevor sie die Existenz bestätigen oder anerkennen – der prangert immer wieder gerne an, wie dogmatisch die Wissenschaft doch sei. Denn schließlich hat man ja auch mal über Galileo (oder andere frühe Wissenschaftler) gelacht, bevor man deren Werk akzeptierte und es Eingang in die wissenschaftlichen Bücher fand. Das ist zwar in Teilen richtig, aber man vergisst dabei zu erwähnen, dass Galileo (oder eben die anderen Wissenschaftler), wie sich später herausstellte, schlichtweg recht hatten.

Schauen wir doch erst einmal, was Dogmatismus überhaupt bedeutet.
Laut Wikipedia ist ein Dogma:

[…] eine feststehende Definition oder eine grundlegende, normative (Lehr-)Meinung, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich festgestellt wird.

Beispiele für Dogmen wären die Jungfrauengeburt Jesu oder die Dreifaltigkeit in der römisch-katholischen Theologie. Diese Lehren werden als unumstößlich und unveränderbar erachtet. Beweise gibt es für diese Lehren keine, denn außerhalb der Bibel gibt es weder Jungfrauengeburten noch irgendwelche Hinweise auf die Existenz von Göttern.

Wissenschaft für Einsteiger

Betrachten wir im Gegensatz dazu die wissenschaftliche Methodik.
Grob gesagt und stark vereinfacht besteht die Vorgehensweise in der Wissenschaft aus sechs Punkten:

1. Frage oder Beobachtung
2. Forschung
3. Hypothese
4. Vorhersage
5. Experiment
6. Schlussfolgerung

Wie das in der Praxis funktioniert, sehen wir uns mal anhand von Tomatenpflanzen an.

1. Frage oder Beobachtung
Einige Tomatenpflanzen in unserem Garten sind größer als andere. Warum ist das so?

2. Forschung
Wir beschäftigen uns mit der Literatur über Tomatenpflanzen. Welche Faktoren haben einen Einfluss auf das Wachstum. Welche Rolle spielen Bodenbeschaffenheit, Nährstoffe, Licht usw.
Hierbei ist es wichtig, sich grundsätzlich mehrerer Quellen zu bedienen, denn die erste Quelle muss nicht unbedingt die richtige sein. Die Schlussfolgerung von Johann Ramses Sternenkind, reinkarnierter Priester des Weltengeistes Varumiel vom Planeten Sklorb, dass Tomaten besser wachsen, wenn die Kromon-Energielevel im Hyperquanten-Engelsraum parallel schwingen, kann selbstverständlich, muss aber nicht unbedingt korrekt sein.
Daher lesen wir noch andere Quellen. Auch die Quellen, die Herrn Ramses Sternenkind widersprechen. Dabei finden wir dann auch so langweilige Aussagen, dass beispielsweise Sonnenlicht einen Einfluss auf das Wachstum von Tomatenpflanzen hat, da sie zur Fotosynthese – also zur Bildung von Nährstoffen – Sonnenlicht benötigen..

Jetzt könnten wir noch weiter ins Detail gehen und über das Sonnenlicht forschen, was aber für unser kleines Beispiel hier zu weit gehen würde.

3. Hypothese
Bei der Betrachtung unserer Quellen stellen wir fest, dass das Sonnenlicht – neben anderen – ein immer wiederkehrender Faktor für das Wachstum dieser Pflanze darstellt.
Also stellen wir eine Hypothese auf:
»Ich glaube, dass je mehr Sonnenlicht eine Tomatenpflanze erhält, diese um so größer heranwächst«.

Unsere Hypothese basiert auf unserer vorherigen Forschung, die ergab, dass Pflanzen sich der Photosynthese bedienen, um Nährstoffe zu bilden, wozu Sonnenlicht vonnöten ist. Weiterhin haben wir durch Beobachtung der Pflanzen in unserem Garten festgestellt, dass diejenigen, die mehr Sonnenlicht erhalten, besser und größer zu wachsen scheinen.

4. Vorhersage
»Tomatenpflanzen, die mehr Sonnenlicht erhalten, werden größer als diejenigen Pflanzen, die bei ansonsten gleicher Pflege und Umgebungsbedingungen weniger Sonnenlicht erhalten«.

5. Experiment
Unsere Hypothese testen wir nun durch ein Experiment, welches wir speziell für diesen Fall entwerfen.
Wir sollten dabei darauf achten, dass wir nur den Faktor Sonnenlicht verändern, während alle anderen Bedingungen für alle Pflanzen gleich sind. Man könnte beispielsweise einfach mit lichtundurchlässigen Schirmen die Sonne für einige Stunden von einigen Pflanzen abschirmen. Oder man verlagert das Experiment in ein Gewächshaus und schaltet die Beleuchtung für einige Pflanzen früher ab.

6. Schlussfolgerung
In der Schlussfolgerung schauen wir, was unser Experiment ergeben hat und wie die Ergebnisse des Experiments zu unserer Hypothese passen.
Wir können die Hypothese also entweder ablehnen oder nicht ablehnen.
Was wir nicht können, ist unsere Hypothese mit nur einem Experiment zu beweisen.
Dazu bräuchte es mehrerer Experimente. Am besten durchgeführt von anderen Wissenschaftlern.

Passt die Schlussfolgerung nicht zur Hypothese, muss die Hypothese nicht zwangsläufig falsch sein. Vielleicht war das Experiment fehlerhaft, vielleicht hatten wir nicht genug Informationen (oder falsche) bevor wir unsere Hypothese aufstellten, oder vielleicht hatten wir auch die Frage falsch – oder die falsche Frage – gestellt.

Wir sehen hier, dass »Wissenschaft« keine Institution ist, sondern eine Methode, um Erkenntnisse über unsere Welt und das Universum zu erhalten, die möglichst nahe an der Wahrheit liegen. Dabei sind Wissenschaftler auch nur Menschen und unterliegen all den gleichen Fehlern und Eigenheiten, die das Menschsein so mit sich bringt.

Wissenschaft bedeutet permanentes hinterfragen

Erlangt ein Wissenschaftler neue Kenntnisse, so lässt er seine Arbeit in der Regel einem Peer-Review-Prozess unterziehen, bei dem andere Wissenschaftler seine Hypothesen, Experimente und Schlussfolgerungen nachprüfen.
Experimente werden nachgestellt, Ergebnisse verglichen und auf Fehler aufmerksam gemacht oder Schlussfolgerungen bestätigt.

So befindet sich man sich im Wissenschaftsbetrieb in permanentem Fluss. Alte Erkenntnisse werden über den Haufen geworfen, wenn neue Erkenntnisse die alten widerlegen. In der Wissenschaft hinterfragt man seine eigenen Methoden und Ergebnisse permanent und baut so ein Fundament von Erkenntnissen, welches das langsam entstehende Wissensgebäude mit all seinen Details trägt.

Zeigen sich Risse im Fundament, so wird der Bau gestoppt und geschaut, woher die Risse kommen und wie man sie beseitigen kann. Einfach weiterzubauen würde bedeuten, ein sehr wackliges Gebäude zu errichten, was entweder von selbst, spätestens aber beim ersten frischen Wind, in sich zusammenfällt.

Wenn Wissenschaftler oder Skeptiker sich mit anscheinend übernatürlichen Phänomenen beschäftigen (oder aufgefordert werden sich damit zu beschäftigen), dann sind sie im Denken sehr wohl frei, die Existenz übernatürlicher Phänomene anzunehmen. Was sie aber nicht tun werden, ist vom Knarren einer Diele oder von eindringender Zugluft auf Geister zu schließen, oder »Ich habe es aber gesehen« als unumstößlichen Beweis anzuerkennen.

Insbesondere Letzteres wird häufig und gerne mit Dogmatismus verwechselt oder als solcher bezeichnet. Kein Mensch hört gerne »Das könnte Einbildung gewesen sein« oder »Dafür gibt es auch andere Erklärungen« als Antwort auf etwas, was derjenige erlebt hat. Oder glaubt, erlebt zu haben.

Wäre die Anwendung der wissenschaftlichen Methode dogmatisch, so würden wir heute noch Kranke zur Ader lassen, oder um sie herumtanzen, um böse Dämonen zu verscheuchen.
Würde die Wissenschaft mit unumstößlichen Dogmen arbeiten, wie z.B. Religionen, so sähe sie fundamental anders aus, wie Richard Dawkins darstellt.

Das Paradox: Während diejenigen, die an längst widerlegten Ideen wie der Homöopathie, der Geistheilung oder Perpetua mobilia festhalten, und das selbst im Lichte neuer Erkenntnisse, welche die alten Ideen klar widerlegen, sich selbst als »Durchblicker« oder auch »Progressiv« zu empfinden scheinen, bezichtigen sie diejenigen, die einfach mehr Belege verlangen als »Meiner Tante hat‘s geholfen« oder »Du musst einfach daran glauben«, des dogmatischen Denkens.

Derjenige, der eine Behauptung über die Beschaffenheit unserer natürlichen Welt aufstellt, dem obliegt die Beweispflicht seiner Behauptung.

Richtig:
»Ich habe einen grünen Tennisball!«
»Zeig mal!«
»Hier!«
»Toll!«

Falsch:
»Ich habe einen grünen Tennisball!«
»Zeig mal!«
»DU KANNST NICHT BEWEISEN DASS ICH KEINEN HABE!«

Ob Geister, transdimensionale Wesen, Freie-Energie-Maschinen, außerirdische Besucher auf der Erde, kalte Sonne, hohle Erde, Krebs heilende Flusskiesel oder Nazi-Flugscheiben: Über alles kann man diskutieren. Aber bitte mit klar definierten Begriffen, ohne Erfindung neuer, belegloser Naturgesetze und ohne beleglose Behauptungen.

Für alles offen sein bedeutet nicht, so offen zu sein, dass einem das Gehirn aus dem Kopf fällt, wie Kumi so schön illustriert hat:

„Offen sein“ von Kumi

Quellen:

http://www.sciencemadesimple.com/scientific_method.html
http://grafikpolizei.wordpress.com/2012/11/16/offen-sein/

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3 Gedanken zu “Die Wissenschaft ist dogmatisch

    • Die „Ehre“ zweifle ich bei einem Mini-Blog wie meinem ein wenig an, aber die Freude ist ganz meinerseits. Denn gute und obendrein so passende Comics sollten mehr Verbreitung finden. 🙂

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