Die Bilderberger regieren die Welt?

Der Zweite Weltkrieg war gerade vorbei und der Kalte Krieg trat nach Stalins Tod 1953 in die zweite Phase ein, die mit der Kubakrise 1962 ihren Höhepunkt finden sollte.
In diesem Klima ersuchte 1954 der polnische Politiker Józef Retinger beim belgischen Premierminister Paul van Zeeland und bei Prinz Bernhard der Niederlande um Hilfe, um den antiamerikanischen Strömungen in Europa zu begegnen und sowohl die Geschäftsbeziehungen mit den USA zu verbessern, aber auch um sich gegen die „Bedrohung aus dem Osten“ besser zu wappnen.
Sowohl Prinz Bernhard als auch Paul van Zeeland kontaktierten andere europäische Staatschefs und im Mai 1954 traf man sich im namensgebenden Bilderberg-Hotel in Holland. Seitdem trifft man sich einmal im Jahr, in der Regel auf europäischen Boden.

Die Grundidee bestand darin, das aus jedem teilnehmenden Land jeweils ein Konservativer und ein Liberaler Vertreter entsandt werden, um eine möglichst breite Perspektive auf die zu besprechenden Themen zu erhalten. Heute überwiegen bei manchen Treffen die konservativen Vertreter eines Landes, was zwar der Grundidee nicht mehr unbedingt entspricht, aber in Teilen dadurch ausgeglichen wird, dass bei den Treffen auch Vertreter aus Journalismus, Forschung und Lehre anwesend sind und man sich nicht mehr auf Themen der Ökonomie und Verteidigung beschränkt.

Was macht die Bilderberg-Gruppe zum Ziel von Verschwörungstheorien?

In erster Linie einmal die Tatsache, dass die Teilnehmer und die besprochenen Themen erst nach einem stattgefundenen Treffen veröffentlicht werden und dass Gesprächsprotokolle der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden.
Die Treffen und Gespräche werden unter der sogenannten Chatham-House-Regel gehalten. Die Regel besagt:

„Wenn eine Konferenz oder ein Teil davon unter der Chatham-House-Regel gehalten wird, sind die Teilnehmer frei, die erhaltene Information zu verwenden, jedoch dürfen sie weder die Identität noch die Zugehörigkeit eines Sprechers oder die irgendeines anderen Teilnehmers preisgeben.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Chatham_House_Rule

Sie dient der Anonymität und unterstützt die Idee eines freien Meinungsaustausches, da der Redner für das von ihm gesagte von der Verantwortung freigestellt ist und frei sprechen kann, ohne dass man es ihm negativ (oder positiv) auslegt.
Man stelle sich, vereinfacht gesagt, eine Brainstorming-Session vor, bei der jeder Teilnehmer für eingebrachte Ideen verlacht wird oder gar seinen Job verlieren könnte. Produktiv und konstruktiv ist anders und ein Ideenaustausch kann nicht stattfinden.
Dass diese Form der „Geheimhaltung“ der Gesprächsprotokolle Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker ist, dürfte jedem klar sein.

Bilderberger als Machtmonopol?
Die Bilderberg-Gruppe ist keine homogene Gruppe im eigentlichen Sinne. Es stimmt, dass viele Reiche und Mächtige aus Politik und Wirtschaft an ihren Treffen teilnehmen, doch bringt jeder Teilnehmer seine eigenen Interessen bzw. die seines Landes mit an den Tisch. Anzunehmen, dass es sich bei den Bilderbergern um eine Weltregierung handelt, zeugt von stark vereinfachtem Schwarz-Weiß-Denken.

Wie sollte das Einschwören auf gemeinsame politische Ziele funktionieren, wenn viele Menschen verschiedener Meinung sind? Aus der langen Geschichte der Weltpolitik wissen wir, dass Konsens eben genau nicht den Status quo darstellt oder -stellte.
Der Idee einer Weltregierung steht auch die Zusammensetzung der Gruppe aus rein europäischen und US-amerikanischen Teilnehmern entgegen.
Man möchte doch annehmen, dass in einer Weltregierung auch so vernachlässigbar kleine Länder wie China, Russland oder Indien eine Rolle spielen würden.

Bei dem Vergleich ist die UNO mehr Weltregierung als die Bilderberger je sein könnten.

Der ehemalige Generalsekretär der NATO, Willy Claes, nahm 1994 an einem Bilderberg-Meeting teil. In einem Radiointerview gab er an, dass keine Abstimmungen stattfinden und keine schriftlichen Beschlüsse gefasst werden. Man versuche zwar, bei den besprochenen Themen zu einem Konsens oder einer Synthese zu kommen, aber Beschlüsse würden nicht gefasst.
Das wäre auch eher ungewöhnlich, betrachtet man den Charakter der Zusammenkunft bzw. die Struktur der Teilnehmer.

Für Verschwörungstheoretiker hat aber oft allein die Tatsache, dass sich mehr oder weniger mächtige Menschen im geheimen treffen, den Anstrich einer Verschwörung.
Die Bilderberg-Gruppe, der Bohemian-Club, Freimaurer – alles potenzielle Verschwörer, da sie ihre Gespräche nicht öffentlich machen.

Was passiert wohl, wenn die Verschwörer der Freimaurer andere Ziele im Sinn haben als die Verschwörer der Bilderberger?
Trifft man sich auf einem geheimen „Feld der Ehre“ und fechtet es aus?

Solange man keine Beweise für die Annahme hat, dass die Bilderberg-Gruppe dunkle Ziele verfolgt, so lange besteht auch kein triftiger Grund anzunehmen, dass es sich bei den Treffen nicht einfach um einen Ideenaustausch handelt, der an einer Geheimhaltung krankt, die allenfalls einen pseudoelitären Status unterstützt.


Quellen:
http://blog.gwup.net/2011/06/21/apokalypse-bilderberger-homoopathie-und-gwup/
http://skeptoid.com/episodes/4225
http://www.zonnewind.be/bilderberg/2010/media-schade-beperken-2-interview-transcript.shtml
http://www.bilderbergmeetings.org/index.php
http://newsnetz-blog.ch/hugostamm/blog/2011/06/13/regieren-die-bilderberger-die-welt/

Advertisements