Ich HAARP nichts dagegen

HAARP Luftbild

HAARP Luftbild. Quelle: http://www.haarp.alaska.edu

Wer sich einmal länger als einen Tag mit der Szene der Verschwörungstheorien beschäftigt hat, ist neben dem allgegenwärtigen »Inside-Job« des 11. September 2001 mit Sicherheit auch auf HAARP gestoßen.

HAARP – in Kreisen der Infokrieger und Verschwörer – ist eine ultrageheime Anlage, die der Wetterkontrolle, Erzeugung von Erdbeben, Gedankenkontrolle und/oder der Zerstörung von Flugzeugen oder Raketen in der Luft, an jedem beliebigen Punkt der Erde dient.
Je nachdem auf welcher Verschwörungsseite man nachschaut auch nur eines davon oder auch alles.

Was ist dran an den Behauptungen und wie sehen die Fakten aus?

Was bedeutet HAARP und wozu dient es?
HAARP steht für High Frequency Active Auroral Research Program und dient der Erforschung der oberen Erdatmosphäre, insbesondere unserer Ionosphäre, der Funkwellenausbreitung, Kommunikation und Navigation.
An der Planung beteiligt waren mehrere Universitäten, darunter auch die University of Alaska, Die Leland Stanford University, Penn State University (ARL), Boston College, Dartmouth University, Cornell University, Virginia Tech, University of Maryland, University of Massachusetts, MIT, Polytechnic University, UCLA, Clemson University und die University of Florida.

Wo liegt die Anlage? Wie groß ist HAARP?
Die Anlage in Alaska befindet sich rund 13 Kilometer nördlich des Städtchens Gakona und umfasst ein Areal von rund 15 Hektar, auf dem sich ein Observatorium und ein Antennenfeld mit 180 Hochfrequenzantennen, jede 22 Meter hoch befinden.
Das Antennenfeld hat eine Sendeleistung von insgesamt 3600 kW, knapp 36 Mal mehr als z.B. der Deutschlandfunk Berlin.
Allerdings setzt die BBC bereits seit Jahrzehnten Kurzwellensendeanlagen ein, die eine effektive Strahlungsleistung von 100 MW erlauben.
Das Antennenfeld wird für spezifische Experimente aktiviert, wenn die Bedingungen in der oberen Atmosphäre dafür genau richtig sind. Schätzungsweise etwa 1 Mal pro Monat.

HAARP Observatorium

HAARP Observatorium. Quelle: http://www.haarp.alaska.edu

Ist HAARP ein militärisches Projekt?
Nein.
Betreiber ist die Zivile Firma MarshCreek, LLC und die University of Alaska.
Obwohl auch das U.S. Verteidigungsministerium als Betreiber militärischer Kommunikationsanlagen, die entweder auf Reflexion durch die Ionosphäre basieren oder, im Falle von Satellitenkommunikation, die Ionosphäre durchdringen müssen, natürlich ein großes Interesse haben und daher DARPA, U.S. Navy und die U.S. Air Force zur Finanzierung beitragen. Mit der Aufsicht und Überprüfung von HAARP sind mehrere, voneinander unabhängige Einrichtungen betraut.

Ist HAARP einzigartig?
Nein.
Ähnliche Anlagen stehen in Russland (SURA), Norwegen (EISCAT), Puerto Rico (Arecibo), Fairbanks (HIPAS), Peru (JIRO) und eine kleinere Anlage steht in Lindau (Niedersachsen) beim Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung.

Kann HAARP das Wetter beeinflussen?
Nein.
Die Frequenz der abgestrahlten Energie kann weder von der Troposphäre- noch von der Stratosphäre absorbiert werden, nur von der Ionosphäre, mehrere Kilometer oberhalb des höchsten atmosphärischen Wettersystems.
Da die Ionosphäre in permanenter »Bewegung« durch die Sonne ist und kontinuierlich neu gebildet wird, sind die Aufheizungseffekte durch HAARP so gering, dass sie nur von speziellen Instrumenten wahrgenommen werden können. Die Effekte verschwinden, je nach Ausgangslage der Ionosphäre zum Zeitpunkt des Experimentes, nach 1 Sekunde, können aber in Einzelfällen bis zu 10 Minuten anhalten.

Wenn ein auf die Ionosphäre treffender Sonnensturm mit einer millionenfach höheren Strahlung nicht in der Lage ist, das Wetter zu beeinflussen, so ist HAARP dagegen geradezu ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Das immer wieder als »HAARP-Patent« bezeichnete Patent von Dr. Bernard Eastlund stellt eine spekulative Anlage, ungefähr 1 Million mal stärker als HAARP, dar und würde ein Drittel des Strombedarfs der USA zum Betrieb benötigen.

Verschwörungstheoretiker, die U.S. Patente als Quelle angeben, vergessen dabei zu erwähnen, dass Patente dort ohne Plausibilitäts- oder Realisierbarkeitsprüfung erteilt werden.

Areal der Diagnoseinstrumente. Quelle: http://www.haarp.alaska.edu

Kann HAARP die Gedanken von Menschen kontrollieren?
Es gibt keinen Beweis für die Hypothese, dass HAARP in der Lage ist, die Gedanken von Menschen zu beeinflussen.
HAARP erzeugt selbst keine ELF-Wellen. Die ELF (extreme low frequency)-Wellen entstehen in ca. 100km Höhe durch Interaktion mit der Ionosphäre und sind 11 Millionen Mal schwächer als die natürliche Hintergrundstrahlung der Erde und 1 Million Mal schwächer als die Energiehöhe, bei der Forscher über biologische Effekte berichteten.

Kann HAARP Erdbeben auslösen.
Nein.
Ein Zusammenhang zwischen punktueller Aufheizung der Ionosphäre- oder überhaupt zwischen Temperatur und Erdbeben konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

Wurde HAARP nicht 1998 vom EU-Parlament als Waffe »anerkannt«?
Nein.
Der Unterausschuss für Sicherheit und Abrüstung des Europäischen Parlaments führte am 5. Februar 1998 eine Anhörung durch, bei der auch HAARP behandelt wurde.
Einziger Befragter war Nick Begich, Jr, Inhaber eines gekauften Doktortitels einer indischen Fernuniversität, Buchautor (»Angels Don‘t Play This HAARP«) und Betreiber eines Onlinehandels für pseudowissenschaftliche Artikel zur Nahrungsergänzung oder Gehirn- und Verstandverbesserung und ein langjähriger Kritiker des HAARP-Projektes.
Er war einer der Ersten die Behaupteten, HAARP diene der Gedankenkontrolle.
Vertreter der USA und der NATO haben sich nicht geäußert und der Beschluss erging dahin, dass weitere Forschungen zu den Auswirkungen von HAARP nötig sind.
Es wäre wünschenswert gewesen, hätten die USA und die NATO nicht nur auf die Forschung verwiesen, sondern auch einen Vertreter zur Anhörung geschickt.

HAARP Kontrollraum

HAARP Kontrollraum. Quelle: http://www.haarp.alaska.edu

Ist HAARP geheim?
Nein.
Die Forschung wird regelmäßig in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht.
Die Dokumente des EIP (Environmental Impact Process) inklusive der kompletten Projektbeschreibung waren immer schon öffentlich einsehbar.

Auf der offiziellen Webseite http://www.haarp.alaska.edu können die Daten der Messinstrumente abgerufen werden.
Es ist keine Sicherheitsfreigabe- oder Überprüfung nötig, um die Anlage betreten zu dürfen. Studenten verschiedener Universitäten absolvieren regelmäßig Praktika in der Anlage.
Das bedeutet allerdings nicht, dass man einfach an der Tür klingeln und eintreten kann.
Es handelt sich um eine Forschungsanlage ohne Besucherzentrum oder mit genügend Mitarbeitern, um routinemäßige Besichtigungstouren durchführen zu können.
Daher veranstaltet man einmal im Jahr für interessierte einen Tag der offenen Tür, bei dem die Anlage von jedem besichtigt werden kann und anwesende Forscher zu ihrer Arbeit und zur Anlage selbst befragt werden können.

Warum also der ganze Hype um HAARP?
Immer da, wo das Militär etwas mitfinanziert, wittern Verschwörungstheoretiker dunkle Absichten. Die Verbreitung ihrer Theorien über Bücher, Webseiten und mit unheimlicher Musik unterlegten Youtube-Videos funktioniert prima, da sich ihre Hypothesen oft sehr spannend, in sich schlüssig und geradezu gruselig anhören.
Solange man sich zu Unterhaltungszwecken davon berieseln lässt, ist dagegen auch wenig zu sagen.
Man hat aber allen Grund dazu skeptisch zu sein, wenn jemand behauptet, Weltherrschaft wäre so leicht wie 180 Antennenmasten aufzustellen.
Oder nur, weil das Militär etwas mitfinanziert, es sich gleich um die nächste Superwaffe handeln muss.

Zusatz vom 28.04.2012:

Hier noch ein Video über HAARP von Prof. Harald Lesch


Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/HAARP
http://www.haarp.alaska.edu/haarp/faq.html
http://www.chemtrails-info.de/chemtrails/haarp.htm
http://skeptoid.com/episodes/4122

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